{"title":"Akustische Wiedergutmachung: Die Hansa Session von CHVRCHES","slug":"chvrches-hansa-session-review","url":"https://www.romanjasiek.de/chvrches-hansa-session-review/","published_at":"2018-11-15T10:15:00.000Z","updated_at":"2026-09-23T04:36:03.000Z","excerpt":"Love Is Dead heißt das letzte, das nach wie vor aktuelle Album der schottischen Band CHVRCHES, das ungefähr seit der Jahresmitte erhältlich ist und der Band eine erfolgreiche Tour bescherte. Gleichzeitig ist der Albumtitel aber auch ein Synonym für die mitunter sehr ablehnende Haltung, die das Album erfahren hat. Auch mich hat Love Is Dead in vielen Teilen mehr geärgert als begeistert. Mit externen Produzenten zu arbeiten, Laurens Stimme mit Autotune zu verfremden, alles in eine Richtung zu pimp","meta_description":null,"html":"<p><a href=\"https://www.romanjasiek.de/chvrches-love-is-dead-review/\" rel=\"noreferrer\"><strong>Love Is Dead</strong></a> heißt das letzte, das nach wie vor aktuelle Album der schottischen Band <strong>CHVRCHES</strong>, das ungefähr seit der Jahresmitte erhältlich ist und der Band eine erfolgreiche Tour bescherte. Gleichzeitig ist der Albumtitel aber auch ein Synonym für die mitunter sehr ablehnende Haltung, die das Album erfahren hat. Auch mich hat <strong>Love Is Dead</strong> in vielen Teilen mehr geärgert als begeistert. Mit externen Produzenten zu arbeiten, <strong>Laurens</strong> Stimme mit Autotune zu verfremden, alles in eine Richtung zu pimpen, die mit „beliebig“ noch sehr wohlwollend umschrieben ist&nbsp;– nee, <strong>Love Is Dead</strong> war nix. Die Reaktionen darauf, die ich beobachten konnte, gingen in eine ähnliche Richtung. Vor ein paar Wochen ging dann eine&nbsp;Meldung&nbsp;rum, das Trio wäre in den berühmten <strong>Hansa-Studios in Berlin</strong> gewesen und hätte ein paar Songs von <strong>Love Is Dead</strong> erneut eingespielt. Das Ergebnis liegt nun vor in Form als EP namens <strong>Hansa Session</strong>.</p><p>Die&nbsp;<strong>Hansa Studios</strong>&nbsp;(ehemals:&nbsp;<strong>Hansa-Tonstudios</strong>) in <strong>Berlin Kreuzberg</strong> dürften zweifelsfrei zu den berühmtesten Tonstudios der Welt gehören. Die gute Akustik des dortigen Meistersaals und der Ausblick aus dem Fenster des Kontrollraums auf die <strong>Berliner Mauer</strong> gehören zu den beiden wesentlichen Merkmalen des Studios, die quasi seit Anfang an nationale und internationale Künstler inspirieren. Allen voran muss hier natürlich&nbsp;<strong>David Bowie</strong>&nbsp;genannt werden. Dessen von seiner <strong>Berliner Zeit</strong> inspirierten Alben (<strong>Low</strong>, <strong>Heroes</strong> und <strong>Lodger</strong>) sind sicher nicht zu unwesentlichen Teilen vom besagten Ausblick beseelt worden. Aber nicht nur&nbsp;<strong>Bowie</strong>&nbsp;war in den&nbsp;<strong>Hansa Studios</strong>&nbsp;zu Gast, sondern auch weitere Größen wie&nbsp;<strong>Depeche Mode,</strong>&nbsp;<strong>Nick Cave</strong>,&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;oder&nbsp;<strong>Marillion</strong>.</p><h2 id=\"%C2%BBdieser-ort-ist-f%C3%BCr-mich-geweihte-erde%C2%AB-iain-cook\">»Dieser Ort ist für mich geweihte Erde« (Iain Cook)</h2><p>Logisch, dass man schnell mal alles stehen und liegen lässt, wenn sich einem als Künstler oder Band die Möglichkeit bietet, in diesem geschichtsträchtigen Tonstudio Musik machen zu können. So erging es auch dem&nbsp;<strong>CHVRCHES-Trio</strong>, das während der laufenden&nbsp;<strong>Love-Is-Dead-Tour</strong> einen Ausflug nach <strong>Berlin</strong> machte. So wird&nbsp;<strong>Iain Cook</strong>&nbsp;dazu wie folgt zitiert: »Als wir die Möglichkeit bekamen, in den Hansa-Studios aufzunehmen, mussten wir gar nicht lange nachdenken. Obwohl wir mitten in einer hektischen Tour waren, haben wir das Angebot sofort angenommen. Dieser Ort ist für mich geweihte Erde – alle meine Helden wie Bowie, Depeche, Iggy, Siouxsie, Tangerine Dream, Nick Cave und andere haben ihre zweifellos besten Alben in diesem Gebäude aufgenommen – wir haben gehofft, ein kleines bisschen dieser Energie auf unserer Platte einfangen zu können. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, sich diesen fünf Songs nochmal aus einer anderen Perspektive zu nähern. So eine Chance bekommt man als Künstler nur sehr selten.« So viel kann festgehalten werden: Es ist gut und schön, dass&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt haben.</p><p>Ergänzt wird&nbsp;<strong>Iain</strong>&nbsp;von Sängerin&nbsp;<strong>Lauren Mayberry</strong>, die erklärt: »Es hat viel Spaß gemacht, diese Stücke noch einmal anders zu interpretieren, während auch die Bedeutungen und Gefühle der Songs mit unterschiedlichen Arrangements transportiert werden. Sobald eine Platte veröffentlicht und man selbst erstmal auf Tour ist, wird es schwerer, kreativ zu sein. Eine Gelegenheit wie diese ist eine aufregende Sache. Außerdem stand es schon immer ganz oben auf unserer Wunschliste, einmal an Orten wie den Hansa-Studios oder dem Bad Robot Musik machen zu dürfen.«</p><p>Herausgekommen sind bei dieser <strong>Hansa Session</strong> fünf Songs von <strong>Love Is Dead</strong> in puristischer, akustischer Form. Wenn&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;jemals ein <strong>Unplugged-Konzert bei MTV spielen sollten</strong>: Genau so könnte sich das anhören. Auf das Wesentliche reduziert, dezent veredelt mit Streicherarrangements, die separat unter der Federführung von&nbsp;<strong>Iain Cook</strong>&nbsp;im&nbsp;B<strong>ad Robot Studio</strong>&nbsp;in <strong>Los Angeles</strong> aufgenommen wurden&nbsp;– das sind die Merkmale dieser EP. Im Mittelpunkt steht&nbsp;<strong>Laurens</strong>&nbsp;Stimme sowie die Inhalte und Stimmungen der Songs. Dinge, die beim eigentlichen Album irgendwie zu kurz gekommen sind. Die Kombination aus Schlagwerk, Akustikgitarren und Streichern rückt diese EP ein bisschen in Richtung des musikalischen Tuns der irischen Band&nbsp;<strong>The Corrs</strong>. Dieser dezent folkige Charakter steht allerdings auch den&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;überraschend gut. Müsste ich nicht immerzu haben, mehr Eindruck als <strong>Love Is Dead</strong> in bisheriger Darreichungsform schindet das aber allemal.</p><p><strong>Heaven/Hell</strong>&nbsp;beispielsweise, schon in der Albumfassung einer der besseren Titel, gewinnt in der vorliegenden Akustikvariante enorm dazu. Alleine schon weil&nbsp;<strong>Laurens</strong>&nbsp;Stimme hier nicht in Höhen getrieben wird, für die sie nicht gemacht ist&nbsp;– nur um dann noch mit elektronischen Hilfsmitteln weiter aufgeputscht zu werden. Zudem wirkt das Lied dergestalt gleich nochmal so intensiv und eindringlich, was dem ernsten Thema, das&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;hier angeht (Stichwort:&nbsp;<strong>#MeToo</strong>), viel gerechter wird.&nbsp;<strong>Love Is Dead</strong>&nbsp;hätte ein wirklich großer Wurf werden können. Eben so, wie man es von&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;eigentlich gewohnt ist. Diese EP macht vieles wieder wett. Und wenn sich das Trio beim nächsten Mal wieder nicht mehr in die Produktion reinquatschen lässt, dann ist die Welt auch wieder in Ordnung.</p><p>Inzwischen bin ich über die Enttäuschung, die&nbsp;<strong>Love Is Dead</strong> für mich (und wohl nicht nur für mich) bedeutete, einigermaßen hinweg. Die <strong>Hansa Session</strong> war dafür ein wirklich gelungenes Trostpflaster. Dass die Songs auf besagtem Album durchaus funktionieren, wenn man sie nur entsprechend verpackt, zeigt dieses kleine Schmuckstück einer EP sehr deutlich. In ein Akustik-Kleidchen gewandet zünden die hier versammelten fünf Lieder wesentlich mehr, als in bekannter, seelenloser Hochglanzverpackung, die einzig dem Airplay-Zeitgeist nachläuft. Dass sich eine Band weiterentwickeln möchte, ist klar und auch legitim. Aber vielleicht beweisen die <strong>Schotten</strong> bei Langspieler Nummer 4, der sicher irgendwann folgen wird, ein geschickteres Händchen bei der Wahl ihrer Berater und Mitproduzenten. Oder lassen sich am besten gar nicht erst in ihr Tun reinquatschen.</p><p>Unterm Strich: Die&nbsp;<strong>Hansa Session</strong> beleuchtet ganz neue Seiten der Band, macht sogar neue Wege auf, die das Trio gerne bei Gelegenheit wieder einmal beschreiten kann. Nicht sofort und nicht gleich und nicht immerzu, aber eben doch nochmal, irgendwann. Eines wird mir übrigens gerade zusätzlich klar:&nbsp;Love is NOT dead. Yet.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches_hansa-session.jpg\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"1155\" height=\"1155\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/09/chvrches_hansa-session.jpg 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/09/chvrches_hansa-session.jpg 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches_hansa-session.jpg 1155w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Universal Music</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-3.jpg","archived_at":"2026-09-23T04:36:03.513Z"}